Logistik-Bereich
Branche

Wissen durch spielen

Praxis

Inzwischen ist Industrie 4.0 auch in den meisten mittelständischen und sogar kleineren Unternehmen (KMU) angekommen: Viele kleine und mittlere Unternehmen haben erkannt, dass sie von den vielversprechenden Möglichkeiten vernetzter und effizienter Produktion sowie neuen Geschäftsmodellen ebenfalls profitieren können [1]. Einen entscheidenden Wettbewerbsfaktor stellt dabei die Digitalisierung von Fertigungs- und Logistikprozessen dar. Digitalisierung ist jedoch kein Prozess, der einfach und schnell implementiert werden kann. Es müssen einerseits technische und organisatorische Ressourcen bereitgestellt werden, andererseits müssen Mitarbeiter durch entsprechende Qualifizierungsmaßnahmen befähigt werden.

Verschaffen Sie sich einen Einblick in die Erarbeitung und Gestaltung eines Planspiels hinsichtlich des Nutzens von Industrie 4.0 bei der Gestaltung von Fertigungs- und Logistikprozessen. Durch die Kombination bewährter didaktischer Leitlinien mit Gamification-Elementen entsteht ein Produkt moderner Wissensvermittlung für Manager, Führungskräfte und Anwender.

 

Ausgangssituation in KMUs: Von Lean zu neuen Ufern

Bereits Anfang der 1990er-Jahre erschien mit dem Buch „Die zweite Revolution in der Automobilindustrie“ ein wichtiger Startschuss zur Umorganisation der Automobilindustrie hinsichtlich einer schlanken und verschwendungsarmen Produktion (Lean Production) [2]. Weltweiter Benchmark für eine schlanke Produktion war und ist das „Toyota-Produktionssystem“. Heutzutage wird das Prinzip in vielen Unternehmen unter der Bezeichnung Lean ­Management als übergeordnetes Konzept für alle Bereiche in denen Produkte, Service und Dienstleistungen für den Kunden entstehen – und damit auch in der Logistik – angewendet.

 

Neue Herausforderungen durch Marktveränderungen: Lösungsansätze durch I4.0

Blicken wir zurück auf die Entstehung von Lean Production, wird schnell klar, dass es ein Produktionsprinzip ist, das sich auf Merkmale der Massenproduktion und auf die Verwendung des Fließbands stützt. Zwar sind bereits Elemente der handwerklichen Produktion und die Produktion von geringen Stückzahlen, sowie die Prämissen Flexibilität und hohe Qualität integriert. Dennoch stößt die alleinige Verwendung von schlanken Prinzipien immer wieder an ihre Grenzen [4]. Steigende Typenvielfalt setzt die bewährten Produktionsmethoden zunehmend unter Druck. Insbesondere deutsche bzw. europäische Hersteller sind betroffen, die strategisch auf Variantenvielfalt setzen bzw. die Zielsetzung haben, eine hohe Komplexität zu beherrschen. Damit gelten diese Problematiken auch für KMUs, die sich durch Spezialanfertigungen und höchste Kundenorientierung auf dem Markt behaupten.

Neue Methoden durch Industrie 4.0 sind nun in der Lage, aufbauend auf den Lean Gedanken, diesen Ansprüchen zu genügen und Lösungsansätze anzubieten:

Digitalisierung von analogen Daten (Digitization)
Digitale Arbeitsanweisungen sind flexibel und variantenreich gestaltbar. Sie können einer beliebigen Anzahl von Mitarbeitern problemlos stets aktuell und individualisiert zur Verfügung gestellt werden.

Digitalisierung von bestehenden Prozessen/Nutzen von digitalen Ressourcen (Digitalization)
Intelligente Ladungsträger oder Transportsysteme unterstützen die Mitarbeiter bei der Umsetzung ihrer Aufgaben und reduzieren dabei gleichzeitig Fehlerquellen und Fehlerhäufigkeit.

Transparenz
Die Auswertung der digitalisierten Daten eröffnet neue Möglichkeiten für transparente Prozesse. Durch die ermittelten Kennzahlen und KPIs ist eine schnellere, effizientere und flexiblere Steuerung des Unternehmens insbesondere bei Problemen, Fehlern oder unvorhergesehenen Situationen möglich. Weiterhin ist die gewonnene Transparenz ein gutes Mittel, die betroffenen Mitarbeiter zu beteiligen, zu informieren und damit auch zu motivieren.

Digitale Transformation:
Auf der Basis von digitalen Daten und Prozessen ergeben sich neue Optionen hinsichtlich Vorgehensweise, Auswertung und Standardisierung bis hin zur Entwicklung von neuen Geschäftskonzepten. Die Realität ist allerdings, dass das Wissen über die Methoden und Instrumente zur Digitalisierung in den Unternehmen gesamthaft (noch) nicht vorhanden ist. Bevor sowohl entsprechende Neuerungen erarbeitet und umgesetzt werden als auch Mitarbeiter durch Weiterbildungsmaßnahmen qualifiziert werden, muss erst im Management die komplexe Thematik bekannt und hinsichtlich des eigenen Nutzens durchdrungen sein.
Das Planspiel „Industrie 4.0 aus dem Koffer“ hilft der Zielgruppe, ein entsprechendes Verständnis zu erlangen.

 

Gamification: Plan- und Lernspiele zur motivierenden Vermittlung von Wissen

Hinter dem Sammelbegriff Gamification verbirgt sich eine motivierende Lehr- und Lernmethode, die mithilfe der Anwendung von spielerischen Elementen auf spielfremde Anwendungen und Prozesse den Teilnehmern Problemlösungsansätze durch eigenes Erleben und Handeln vermittelt.

Ziel ist es, bei den Teilnehmern neben der Wissensvermittlung eine Motivationssteigerung bis hin zur Begeisterung für das Thema zu entfachen. Dadurch sind die Teilnehmer befähigt und gewillt, die erlebten Neuerungen in die eigene Arbeitswelt zu übertragen [5].

Gamifizierung nutzt den Effekt, dass Menschen gerne spielen. So wird erreicht, dass Lernen nicht als langweilig oder anstrengend empfunden wird, sondern Spaß macht. Damit findet sie inzwischen auch zunehmend Anwendung in beruflich-orientierten Weiterbildungsprogrammen und innerhalb der Erwachsenenbildung. In diesem Kontext wird Gamifizierung oft als Planspiel umgesetzt. Planspiele wurden ursprünglich vom amerikanischen Militär entwickelt. In der Wirtschaft wird in Planspielen eine modellhafte Simulation von (Unternehmens-)Prozessen durchgeführt. Diese Form von Lernspielen kann in Gruppen mit physischen Materialien, IT-gestützt oder webbasiert sowie mit einer Kombination dieser Medien durchgeführt werden.

Im Fokus stehen häufig Management- und Führungskompetenzen, welche durch die Analyse der Ausgangssituation, das Ableiten und Entwickeln von Lösungen bzw. Strategien zur Lösung der Problemstellung (weiter-)entwickelt werden sollen. Die Durchführung von Planspielen ist meistens rundenbasiert: In jeder dieser Runden werden die Teilnehmer vor neue Herausforderungen gestellt. Die getroffenen Entscheidungen haben dann Auswirkungen auf die folgende Spielperiode.

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Autoren: Dr.-Ing. Jörg Pirron, Barbara Schaffert, Alexander Kopp

Literatur:

[1] Henke, Michael, Parlings, Matthias & Scherer, Britta (2018): Digitale Logistik im Mittelstand. Jahrbuch der Logistik 2018.
[2] Womack, James P., Jones, Daniel T. & Roos, Daniel (1992): Die zweite Revolution in der Automobilindustrie. Frankfurt / New York: Campus Verlag
[3] Geberich, Thorsten (2011): Lean oder MES in der Automobilindustrie. Ein Vorgehensmodell zur fallspezifischen Auswahl. Wiesbaden: Gabler Verlag.
[4] Gorecki, Pawel & Pautsch, Peter (2018): Lean Management. München: Carl Hanser Verlag.
[5] Faulstich, Peter & Zeuner, Christine (2010): Erwachsenenbildung. Weinheim: Beltz Verlag


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