Logistik-Bereich
Branche

Urbane Paketlieferung

Forschungsprojekt

Die weltweite Urbanisierung macht Städte mehr denn je zu Bündelungsorten von Leben und Arbeit. Einerseits bietet diese Entwicklung viele Vorteile für wirtschaftliche und soziale Aktivitäten, andererseits stellt sie städtische Strukturen und Systeme vor große Herausforderungen. Eine davon ist die zukünftige Gestaltung des innerstädtischen Lieferverkehrs. Dessen Betrieb basiert gegenwärtig zu großen Teilen auf konventionellen Transportern mit negativen Folgen hinsichtlich Treibhausgas-, Lärm- und Schadstoffemissionen sowie Feinstaubbelastungen. Selbst wenn die Motoren sämtlicher Transporter durch umweltfreundliche Elektroantriebe ersetzt würden, bestünde immer noch das Problem von überlasteten Verkehrsinfrastrukturen in Innenstädten, insbesondere durch das steigende Paketaufkommen im Zuge der intensiven Nutzung von e-Commerce. Die genannten Herausforderungen begründen den Bedarf an neuen Konzepten für die urbane Logistik. Ein möglicher Ansatz besteht im Einsatz von Güterstraßenbahnen in Kombination mit Lastenfahrrädern für die innerstädtische Paketzustellung. Dafür wird im Rahmen dieses Beitrags ein Simulationssystem zur Untersuchung von potenziellen Güterstraßenbahn-Lastenfahrrad-Paketausliefernetzen vorgestellt.

ABB. 1: Beladung der Lastenfahrräder beim Projekt Logistiktram in Frankfurt. Grafik: Logistiktram.de © Herbert Riemann

 

Das dominierende Transportmittel in der landseitigen Logistik ist seit jeher der LKW in seinen verschiedenen Größen und Ausführungen. Die städtischen Entwicklungen der letzten Jahrzehnte haben zur Dominanz der Transporter- und Kleintransporter weiter beigetragen. So galt es, die straßenseitige Infrastruktur kontinuierlich auszubauen, um dem steigenden Verkehrsaufkommen gerecht zu werden und für möglichst optimalen Verkehrsfluss sowie geringer innerstädtischer Staubildung zu sorgen. Entscheidende Vorteile des Einsatzes von Transportern sind vor allem der geringe logistische Aufwand sowie eine vergleichsweise kostengünstige Güterbeförderung. [1]

Besonders in Städten und Ballungsräumen gibt es faktisch keine Alternative zum straßenseitigen Güterverkehr. Die Nachteile dieser Entwicklung zeigten sich vor allem in den letzten Jahren. Gerade durch den stark wachsenden e-Commerce und das damit steigende Paketaufkommen werden die städtischen Straßenverkehrsnetze zunehmend belastet. Da zahlreiche deutsche Städte die EU-weit geltenden Grenzwerte für Feinstaub und Stickstoffdioxid nicht einhalten können, wird vermehrt über innerstädtische Fahrverbote diskutiert. Der Bedarf an alternativen Transportkonzepten für den urbanen Gütertransport war noch nie so hoch wie jetzt. In diesem Beitrag wird ein prototypisches Simulationssystem zur Untersuchung von intermodalen Paketauslieferungen basierend auf Straßenbahnen und Lastfahrrädern vorgestellt. Es soll dazu beitragen, die Eignung eines städtischen Straßenbahnnetzes für die Paketauslieferung zu prüfen und die Planung von Straßenbahn-Lastenfahrrad-Paketausliefernetzen zu unterstützen.

 

Gütertransport mit Straßenbahnen

Ein Blick in die Vergangenheit zeigt, dass bereits um 1900 neben dem Personentransport auch Güterverkehre mittels Straßenbahnen durchgeführt wurden. Da sich aber im Laufe des 20. Jahrhunderts der motorisierte Straßenverkehr immer stärker durchgesetzt hat, verschwanden die Güterstraßenbahnen weitestgehend. Zwischenzeitlich wurden immer wieder Versuche unternommen, Güterstraßenbahnen in städtischen Gebieten wieder einzuführen [2]. Auch in jüngerer Vergangenheit gab es in verschiedenen Städten Versuche, Güterstraßenbahnen für den Liefer- und Entsorgungsverkehr einzusetzen.

In der Stadt Dresden wird seit 2001 eine Güterstraßenbahn für die Bauteilbelieferung des dortigen VW Produktionsstandortes genutzt [3]. Auch in Zürich wurde das Konzept einer Güterstraßenbahn erfolgreich umgesetzt, um die innerstädtische Entsorgung von Sperrmüll durchzuführen [4]. Machbarkeitsstudien in den Städten Amsterdam und Erfurt bezüglich des großflächigen Einsatzes von Straßenbahnen für den innerstädtischen Gütertransport führten jedoch nicht zu einer Umsetzung. Zentrale Gründe dafür waren die fehlende Einigung wichtiger Kooperationspartner sowie Zweifel an der wirtschaftlichen Tragfähigkeit. [5] [2]

Die vorgestellten Projekte zeigen, dass der Einsatz von Straßenbahnen einen Beitrag zur nachhaltigen Güterbelieferung städtischer Gebiete leisten kann. Für einen Dauerbetrieb konnten bisher jedoch nur einfachere Liefer- und Entsorgungsaufgaben realisiert werden. Ein großer Nachteil der Güterstraßenbahn gegenüber konventionellen Transportern ist, dass diese an feste Routen gebunden ist und somit über eine eingeschränkte Flexibilität verfügt. Des Weiteren muss ein Nachlauf, also der letzte Transportabschnitt bis zum Warenempfänger, realisiert werden.

In den Städten Amsterdam und Erfurt gab es dazu Überlegungen, den Nachlauf der Güterstraßenbahn mit Elektrotransportern zu realisieren. Das Problem dabei ist, dass Straßenbahnhaltestellen für Kraftfahrzeuge meist nur schwer zugänglich sind und somit einen aufwendigen Warenumschlag zur Folge haben. Eine mögliche Lösung für dieses Problem kann der Einsatz von Lastenfahrrädern darstellen. Da Straßenbahnhaltestellen ohnehin so gebaut sind, dass diese mit dem Fahrrad erreichbar sind, stellt dies eine ideale Ausgangssituation für den Einsatz von Lastenfahrrädern dar.

Im Rahmen des Projektes „Logistiktram“ wurde ein Paketauslieferungskonzept basierend auf Straßenbahnen und E-Lastenfahrrädern zum Einsatz in der Stadt Frankfurt am Main entwickelt. Dabei kommen sogenannten mobile Mikrodepots zum Einsatz, welche Auslieferungsboxen beinhalten. Diese Mikrodepots werden per Straßenbahn in die verschiedenen Stadtteile geliefert und dort auf vorgesehenen Stellflächen abgestellt. E-Lastenfahrräder werden dann die einzelnen Auslieferungsboxen aufnehmen und die darin enthaltenen Pakte zum Empfänger bringen. [6] [7]

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Autoren: Prof. Dr.-Ing. Nina Vojdani, Björn Erichsen M.Sc.

Literatur:

1] Logistikbranche: Vor- und Nachteile des LKW. www.logistikbranche.net/dossier/vorteile-nachteile-lkw.html, Abrufdatum: 06.08.2018.
[2] Hofmann, K., Kattein, M. (2001) Eine Güterstraßenbahn für Erfurt? – Machbarkeitsstudie START-Forschungsbericht 15
[3] Mazur, M. (2007) Güter auf die Schiene! Fallstudie Innerstätische Logistik: GläserneManufaktur, CarGoTram, GVZ Dresden-Friedrichstadt. Technische Universität Dresden
[4] N.N. (2003) Für die Güter die Straßenbahn. In: Eisenbahn-Revue International, Heft 6/2003
[5] Erd, J. (2015) Stand und Entwicklung von Konzepten zur City-Logistik. Wiesbaden: Springer
[6] Frankfurt.de: Pilotprojekt: Frankfurts erste Logistiktram geht auf die Schiene. www.frankfurt.de/sixcms/detail.php?id=8440&_ffmpar[_id_inhalt]=34419401, Abrufdatum: 14.08.2018.
[7] Stadt Frankfurt am Main: Ideenwettbewerb Klimaschutz 2017. www.frankfurt.de/sixcms/media.php/738/Kurzprofil%20Grund%20und%20Riemann.pdf, Abrufdatum: 16.08.2018.


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