Logistik-Bereich
Branche

Unvorhergesehen!

Resilienz

Einige Jahre lang hat der Autor neueste Kommissioniersysteme auf Tagungen durch deren Betreiber vorstellen lassen. Kam dann nach dem jeweiligen Vortrag eine Diskussion nicht gleich in Gang, stellte er seine Standardfrage „Was war bei der Realisierung ungewöhnlich? Womit haben Sie nicht gerechnet? Ihre Zuhörer hier wollen ja etwas lernen!“ Es war spannend, was da alles spontan zum Vorschein kam.

 

Beispiele: „Wenn wir das Einlagern nicht am Computer vorbei hinbekommen hätten, wäre die Anlage nie rechtzeitig in Betrieb gegangen.“ Oder: „Nie wieder einen Generalunternehmer“.

Zur Ehre der Generalunternehmer, die wie alle an Systemen der Intralogistik Beteiligte, im Normalfall gute Arbeit leisten, muss erwähnt werden, dass alle Anwesenden bei der Vorstellung der betreffenden Anlage wussten, wer Generalunternehmer war, auch wenn dieser explizit nicht genannt wurde. Auf diesen Hinweis gab es jedenfalls einen großen Lacherfolg.

Die gleiche Frage stellte der Autor gern am Ende von Besichtigungen neuer Anlagen. Referenzen sind wichtig. Sie können bei Entscheidungen helfen. Schriftliche Referenzen sind immer positiv. Das ist so ähnlich wie mit den Arbeitszeugnissen. Ungeschminkte Antworten von operativ tätigen Mitarbeitern machen Referenzen nachvollziehbar.

 

Auch, wenn es bei der Realisierung mal mächtig geknirscht hat und die Beteiligten als Partner miteinander umgingen und gemeinsam zügig zu guten Lösungen fanden, ist das ja eine eventuell entscheidende Information. Wir können uns dann auch auf Situationen einstellen, mit denen wir ohne solche Informationen nicht rechnen würden – auf Unerwartetes.

 

Aktuell

Würde trotz Corona ein Meinungsaustausch stattfinden, wie soeben angesprochen, käme als Antwort mit Sicherheit:

– Corona war unvorhersehbar.

– Die Verlängerung von Lieferzeiten und Unterbrechung von Lieferketten war unvorstellbar.

– Die Folgen des Brexit konnten wir nicht absehen.

Ob auch das Thema der IT-Sicherheit angesprochen würde, ist schon eher zweifelhaft. Da haben wir massiven Nachholbedarf. Hand aufs Herz! Wann haben Sie bei ihrem heimischen PC zuletzt eine Datensicherung gemacht?

Die Lokalzeitung des Autors erschien nach einem Hackerangriff am 28.11.2020 nicht, dann in Notausgaben. Es dauerte bis Februar 2021, bevor wieder eine Art Normalzustand erreicht war. Das mag sich ein Monopolist ohne Marktverluste leisten können – Sie nicht!



Unvorhersehbar?


Eine Pandemie wurde von den Fachleuten schon lange erwartet, sogar, dass diese ihren Ursprung in Asien haben würde. Die Drucksache 17/12051 des Deutschen Bundestages vom 03.01.2013 stellte die Pandemie als bedingt wahrscheinlich dar (kommt statistisch betrachtet einmal in 100 bis 1.000 Jahren vor), beschrieb aber vor 8 Jahren recht konkret, was wir zu erwarten hatten. Der Statistiker weiß natürlich, dass diese Angabe nicht bedeutet, das Ereignis würde in 550 Jahren stattfinden, sondern es ist ein „bedingt wahrscheinliches Ereignis“ – es kann genau heute stattfinden!

Ganz offensichtlich hat sich nur niemand auf das Ereignis vorbereitet, wie zwei Hinweise aus der Bundestags-Druckschrift deutlich machen.

– Zur Logistik heißt es dort (vgl. S. 72): „Ausfälle an einzelnen Punkten ­innerhalb der Lieferketten multiplizieren sich aufgrund der komplexen Interdependenzen. Personal­ausfälle führen hier deshalb mitunter zu erheblichen Einschränkungen bzw. zu Unterbrechungen von Lieferketten. Dies hat entsprechende Auswirkungen auf Produktionsprozesse und andere Infrastruktursektoren.“

– Und zur medizinischen Versorgung (vgl. S. 73): „Arzneimittel, Medizinprodukte, persönliche Schutzausrüstungen und Desinfektionsmittel werden verstärkt nachgefragt. Da Krankenhäuser, Arztpraxen und Behörden in der Regel auf schnelle Nachlieferung angewiesen sind, die Industrie die Nachfrage jedoch nicht mehr vollständig bedienen kann, entstehen Engpässe.“

Kommt uns das nicht bekannt und in der Tat sehr aktuell vor? Und ist das vergleichbare Ereignis, die spanische Grippe, nicht gerade erst 100 Jahre her?

Wir hätten uns auf diese Ereignisse einstellen können. Aber wie?

Autor: Univ.-Prof. Dr.-Ing. Wolf-Michael Scheid

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