Logistik-Bereich
Branche

Risikomanagement

Covid-19

Die Entwicklung und Auswirkungen von Covid-19 verdeutlichen die hohe Komplexität und Anfälligkeit global verteilter Lieferketten, welche mit den Herausforderungen von Shutdowns, Schließungen lokaler Einkaufsmöglichkeiten und verbundenen Nachfragevolatilitäten und -einbrüchen zu kämpfen hatten und haben. Dies hebt die Notwendigkeit eines ganzheitlichen Risikomanagements von Lieferketten hervor. Denn Unternehmen mangelt es oftmals an Transparenz über ihre Warenströme, dokumentierten Risikostrategien, einer umfassenden Kommunikation sowie einer schnellen und systematischen Reaktionsfähigkeit zur Durchführung von Gegenmaßnahmen. Dieser Beitrag arbeitet die Einflüsse von Covid-19 im Hinblick auf das Risikomanagement anhand von Praxisbeispielen auf und leitet vielseitige Maßnahmen zur Erstellung einer robusteren Lieferkette ab. Es werden kurz-, mittel- und langfristige Implikationen und deren Auswirkungen auf die Logistik, Vorhersagen und das strategische Lieferantenmanagement hervorgehoben.

 

Ausgangslage und Entwicklungen

Covid-19 ist eines der schwerwiegendsten Ereignisse der modernen Geschichte und hat durch seine rasante Verbreitung in über 200 Ländern zu Disruptionen in nahezu jeder Lieferkette geführt. Diese Kettenreaktion verdeutlicht die Vernetzung globaler Supply Chains, welche ein Fokusgebiet des aktuellen Supply Chain Risikomanagements ist. Im Gegensatz zu anderen disruptiven Ereignissen, wie dem verheerenden Erdbeben in Japan 2011 oder dem Tsunami 2004 in Indonesien, beschränkt sich der Einfluss dieser Pandemie nicht auf einige wenige Branchen oder Supply Chain Stufen. Von Rohstoffzulieferern bis hin zu Endkunden sind alle Teilnehmer der Lieferkette betroffen. Die Einzigartigkeit der Geschehnisse wird zudem durch den zeitlichen Umfang deutlich, da sich bei anderen schwerwiegenden Ereignissen die Supply Chains innerhalb weniger Wochen erholt hatten. Grundsätzlich können Pandemien durch drei zusammenhängende Dimensionen von herkömmlichen Supply Chain Disruptionen unterschieden werden [1]:

1) Umfang (Scope): Im Gegensatz zu einer Pandemie sind typische Störungen geografisch oder sektorenabhängig lokalisiert. So kann ein Streik in einem Hafen den Handel in einem bestimmten geografischen Gebiet eines Landes stören, während die Terrorschläge am 11. September 2001 umfangreiche Auswirkungen auf Sektoren, wie die Reiseindustrie und die Landwirtschaft, hatten. Eine Pandemie hingegen umfasst die gesamte Welt und alle Branchen.

2) Ausbreitung (Spillover): Eine typische Störung verbreitet sich wellenförmig, wobei die Auswirkungen schnell abnehmen. Bei einer Pandemie hingegen überlagern sich große Wellen mehrerer Ereignisse und verbreiten sich schlagartig von Region zu Region. Gegenmaßnahmen, wie Grenz- oder Fabrikschließungen, führen dabei zu weiteren Folgereaktionen.

3) Verschiebungen (Shifts): Bei einer typischen Störung verändert sich oftmals der Bedarf oder die Nachfrage, ohne dass die Veränderungen sich gegenseitig beeinflussen. Beispielsweise kann der Konkurs eines Lieferanten zu einem Ausfall des Angebots führen. Dies beeinflusst in der Regel jedoch nicht die Nachfrage. Bei einer Pandemie hingegen treten extreme Nachfrage- und Angebotsschwankungen gleichzeitig auf, wie beispielsweise die dramatische Steigerung der Nachfrage nach Klopapier, während industrielle Papierrollen nicht mehr gekauft werden. Dies führt wiederum zu einer erhöhten Komplexität in der Nachfrage- und Bedarfsplanung von Unternehmen, da Ausfälle zeitlich kaum eingrenzbar sind. [1]

Durch den Verlauf der Pandemie wird zudem die zentrale Stellung Chinas als weltgrößter Warenexporteur im Wertschöpfungsnetzwerk deutlich. Die Globalisierung der Lieferketten und Auslagerung von Unternehmenstätigkeiten in Niedriglohnländer zur Reduzierung der Kosten hat zu einer Transformation der Supply Chains in langen Pipelines mit geringen Reserven geführt. Gleichzeitig führt die Fixierung auf Jahresabschlüsse zu verlängerten Zahlungsfristen und zur Verlagerung von Beständen an Zulieferer sowie zu einer Abnahme der Agilität. Die Fokussierung auf wenige Zulieferer und die Errichtung spezialisierter Fabriken resultieren weiterhin in hohen Abhängigkeiten innerhalb der Supply Chains.

Autoren: Prof. Dr.-Ing. Evi Hartmann, Dr. Hendrik Birkel


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