Logistik-Bereich
Branche

Operation am offenen Herzen

Praxis

Kaum eine andere Branche verzeichnet über Jahre solch ein konstantes Wachstum wie der Luftverkehr. Sind in Deutschland im Jahre 2005 noch 146 Millionen Passagiere in der Luft befördert worden, so war in den darauf folgenden 10 Jahren ein Anstieg um fast 30 % auf 194 Millionen beförderte Passagiere zu verzeichnen. Bezogen auf den Weltluftverkehr wird innerhalb der nächsten 15 Jahre sogar eine Verdopplung der von Passagieren in der Luft zurückgelegten Kilometer prognostiziert. Traditionelle, oft ehemals staatliche Fluggesellschaften haben es u. a. aufgrund von tariflichen Rahmenbedingungen und auf den Markt drängenden internationalen Wettbewerbern zunehmend schwer, den Betrieb kosteneffizient und zu maximaler Kundenzufriedenheit darzustellen. Insbesondere Low-Cost-Carrier tragen zu dieser Entwicklung bei. Diese entziehen durch die angebotenen spezialisierten und somit vergleichsweise günstigen Direktverbindungen den klassischen Netz-Carriern einen signifikanten Teil ihrer Passagiere. Für die Netz-Carrier kommt somit der Effizienz und Attraktivität der sogenannten Hub-Flughäfen mit ihrer Drehkreuz-Funktion eine besondere Bedeutung zu. Passagiere unterschiedlichster Abflugsorte werden an diesen Hubs mit einer Vielzahl von Zielflughäfen verbunden. Somit können durch Eröffnung nur einer weiteren Strecke des Hubs zu/von einem neuen Start-/Zielort Umsteigeverbindungen mit allen bereits bestehenden Start-/Zielorten abgebildet und die Auslastung im gesamten Netz optimiert werden. Die Besonderheiten des Systems Luftverkehr stellen dabei enorme logistische Anforderungen an den effizienten Betrieb von Hub-Airports. Dieser Artikel vermittelt einführend diese Besonderheiten und logistischen Anforderungen. Darüber hinaus zeigt der Artikel auf, wie diesen Herausforderungen durch eine integrierte Verkehrssteuerung begegnet werden kann und wie eine Implementierung auch „am offenen Herzen“, sprich im laufenden Betrieb, gelingt. Dies erfolgt anhand eines realen Praxisbeispiels aus einem Beratungsprojekt der Visality Consulting an einem großen deutschen Hub-Airport.

Besonderheiten im Luftverkehr und resultierende Herausforderungen der Operation an Hub-Airports
Eine der prägendsten Besonderheiten des Luftverkehrs ist die Vielfalt an komplexen Wertschöpfungsketten, die durch zahlreiche prozessuale Wechselwirkungen und Abhängigkeiten gekennzeichnet sind. Dazu zählen u. a. die Wertschöpfungsketten des Passagiers, des Gepäcks sowie des Flugzeugs. Wenn auch nicht Schwerpunkt dieser Betrachtung, stellt die Fracht ein weiteres logistisches Objekt im Luftverkehr dar, das gemeinsam mit Gepäck und Passagier, aber auch in dezidierten Fracht-Flugzeugen befördert wird. Auch die bzgl. der Ertragspotenziale zunehmend an Bedeutung gewinnende Wertschöpfungskette Handel/Gastronomie (Non-Aviation-Geschäft) soll hier der Vollständigkeit halber aufgeführt sein.

Die wohl größte Herausforderung der Operation an Hub-Airports stellt der Bedarf für eine parallele Steuerung der Wertschöpfungsketten rund um Flugzeug, Passagier, Gepäck und Fracht dar. Anders als bei Drehkreuzen des Verkehrsträgers Bahn, wo Fahrgäste ihr Gepäck eigenhändig im Rahmen des Umsteigevorganges zum Anschlusszug befördern, sind in einem Luftverkehr-Hub die logistischen Objekte Passagier und Gepäck parallel zu koordinieren. Dabei haben Gepäckstücke trotz vollkommen separatem Umschlagprozess innerhalb der Umsteigezeit den Anschlussflug zu erreichen. Ebenso muss auch der Passagier den Weg durch Sicherheits- und Dokumentenkontrollen zum Abfluggate finden, da es sonst zu erheblichen Verzögerungen im Abflug kommen kann, weil aus Sicherheitsgründen das Gepäck ohne den zugehörigen Passagier nicht weiterbefördert werden darf. Passagier und Gepäck müssen also zunächst getrennt, um anschließend wieder zusammengeführt zu werden.

Eine weitere Besonderheit stellt das erforderliche Zusammenwirken zahlreicher unmittelbar und mittelbar beteiligter Unternehmen und Behörden mit jeweils eigenständigen Prozessen, Aufgaben, Schnittstellen und Informationssystemen dar. Aus den ebenfalls unterschiedlichen Zielsystemen der Beteiligten resultieren Spannungsfelder und ggf. Ressourcenverschwendungen bei der Leistungserbringung, welche die Gesamt-Leistungsfähigkeit eines Hub-Airports reduzieren und somit dessen Wettbewerbsfähigkeit gegenüber alternativen Standorten mindern können.

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Autoren: Dr.-Ing. Marco Emmermann, Dipl.-Ing. Stefan Wollschläger, Dipl.-Wirtsch.-Ing. Matthias Schüßler

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